Müde nach der Geburt: welche Blutwerte wirklich weiterhelfen

„Beim Arzt war alles in Ordnung“ – und trotzdem fühlt sich nichts in Ordnung an. Warum ein Referenzbereich nicht dasselbe ist wie eine gute Versorgung, und welche Werte in dieser Lebensphase etwas erklären.

Janine Möller-Werner 4 Min. Lesezeit
Laborröhrchen mit Blutprobe auf einem Befundausdruck

Wenn Frauen nach der Geburt zu mir in die Beratung kommen, klingt der erste Satz fast immer gleich: „Ich bin nicht nur müde. Ich bin leer." Und der zweite: „Beim Arzt war alles in Ordnung."

Beides kann gleichzeitig stimmen. „In Ordnung" heißt in der Labordiagnostik: Der Wert liegt innerhalb eines Referenzbereichs, der aus einer statistischen Verteilung abgeleitet wurde – und zwar so, dass 95 Prozent einer Vergleichsgruppe hineinfallen. Ein Referenzbereich beschreibt, was häufig ist. Er beschreibt nicht, was für dich nach einer Schwangerschaft, einer Geburt und sechs Monaten unterbrochenem Schlaf ausreichend ist.

Hier sind die Werte, die in dieser Lebensphase am häufigsten etwas erklären – und worauf man dabei achten sollte.

Ferritin: der Wert, der am häufigsten übersehen wird

Ferritin ist der Speicherwert für Eisen. Das Blutbild kann völlig unauffällig sein – Hämoglobin normal, keine Anämie – und der Speicher trotzdem fast leer. Genau das ist nach einer Geburt häufig, besonders bei stärkerem Blutverlust oder wenn zwischen zwei Schwangerschaften wenig Zeit lag.

Viele Labore geben den Referenzbereich für Frauen ab etwa 15 µg/l an. Für Symptome wie Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und diffusen Haarausfall diskutieren Fachgesellschaften seit Jahren deutlich höhere Schwellen; bei Haarausfall werden häufig Werte ab 30 bis 50 µg/l als Zielgröße genannt. Das ist keine einheitlich festgelegte Grenze, sondern eine fachliche Debatte – aber sie erklärt, warum ein Ferritin von 18 µg/l „normal" heißen und trotzdem der Grund für dein Befinden sein kann.

Wichtig: Ferritin ist ein Akute-Phase-Protein. Bei Entzündungen oder Infekten steigt es an und kann einen leeren Speicher verdecken. Deshalb sollte man es nie allein betrachten, sondern zusammen mit CRP und idealerweise der Transferrinsättigung. Ist das CRP erhöht, ist der Ferritinwert nicht sicher interpretierbar – dann lieber in ein paar Wochen erneut messen.

Vitamin B12: warum der Gesamtwert oft nicht reicht

Der klassische B12-Wert im Serum misst überwiegend Cobalamin, das an Haptocorrin gebunden ist – und dieser Anteil steht dem Körper gar nicht zur Verfügung. Nur der kleinere, an Transcobalamin gebundene Anteil ist stoffwechselaktiv.

Aussagekräftiger sind deshalb:

  • Holo-Transcobalamin (Holo-TC) – der aktive Anteil, der früh abfällt.
  • Methylmalonsäure (MMA) – steigt an, wenn B12 im Gewebe knapp wird.

Relevant ist das besonders bei vegetarischer oder veganer Ernährung, nach Magen-Operationen, bei längerer Einnahme von Protonenpumpenhemmern oder Metformin und in der Stillzeit, weil B12 in die Muttermilch übergeht.

Schilddrüse: mehr als TSH

Nach der Geburt entwickeln etwa 5 bis 10 Prozent der Frauen eine Postpartum-Thyreoiditis. Sie verläuft oft zweiphasig: zuerst einige Wochen mit Überfunktion – Herzrasen, Unruhe, Gewichtsabnahme –, danach eine Unterfunktionsphase mit Erschöpfung, Kälteempfindlichkeit, Haarausfall und gedrückter Stimmung. Die zweite Phase wird häufig als „Wochenbettdepression" eingeordnet.

Ein TSH allein reicht hier nicht. Sinnvoll sind TSH, fT3 und fT4, bei Verdacht zusätzlich TPO-Antikörper. Und: TSH schwankt tageszeitlich; morgens gemessen liegt er höher als nachmittags. Für die Verlaufskontrolle immer zur selben Tageszeit messen lassen.

Vitamin D

In Deutschland ist die Versorgung zwischen Oktober und März bei einem großen Teil der Bevölkerung niedrig – schlicht, weil der Sonnenstand für die körpereigene Bildung nicht ausreicht. Gemessen wird 25-OH-Vitamin-D. Werte unter 30 nmol/l (12 ng/ml) gelten als Mangel, der Bereich zwischen 50 und 75 nmol/l wird von den meisten Fachgesellschaften als ausreichend beschrieben.

Eine Substitution gehört ärztlich begleitet, besonders in Schwangerschaft und Stillzeit, und sie ersetzt keine Kontrolle. Sehr hohe Dosen ohne Messung sind nicht harmlos.

Zink und Magnesium: schwer zu messen

Beide werden häufig bestimmt und selten sinnvoll interpretiert. Serum-Magnesium sagt über den Gewebespeicher fast nichts aus, weil der Körper den Serumspiegel eng reguliert – Vollblutmessung ist etwas aussagekräftiger, aber auch nicht der Goldstandard. Zink im Serum schwankt mit Tageszeit, Mahlzeiten und Entzündungslage.

Das heißt nicht, dass man nicht misst. Es heißt, dass man den Wert im Zusammenhang mit der Ernährungsanamnese liest und nicht isoliert.

Was ich in der Beratung mache

Ich erhebe keine Laborwerte. Die Anforderung läuft über die Hausarztpraxis – das ist richtig so und auch günstiger für dich, weil vieles Kassenleistung ist, wenn ein Symptom vorliegt.

Was ich mache: Ich gehe die Werte mit dir zusammen durch, ordne sie in deinen Verlauf ein und wir überlegen, welche Frage als nächstes drankommt. Manchmal ist das Ergebnis, dass die Werte nichts erklären – und wir über Schlaf, Belastung oder eine psychotherapeutische Abklärung sprechen. Auch das ist ein brauchbares Ergebnis.

Hinweis: Dieser Text ist allgemeine Information und keine medizinische Beratung. Er ersetzt weder Diagnose noch Behandlung. Sprich über deine Werte immer mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Über die Autorin

Janine Möller-Werner

Gründerin, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Dozentin

Gesundheits- und Krankenpflegerin, Praxisanleiterin und Dozentin. Begleitet seit über zehn Jahren Pflege- und Gesundheitsberufe – und Familien im ersten Lebensjahr.

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