Praxisanleitung: vom Zeigen zum Begleiten

„Schau erst mal zu“ – und dann „jetzt machst du“. Dazwischen liegt der Teil, der eigentlich die Arbeit ist. Vier Schritte, die auch auf einer vollen Station funktionieren.

Janine Möller-Werner 3 Min. Lesezeit
Zwei Pflegekräfte im Gespräch an einem Stationstresen

„Schau erst mal zu." Mit diesem Satz beginnt in vielen Einrichtungen die Praxisanleitung. Und mit „Jetzt machst du" endet sie. Dazwischen liegt der Teil, der eigentlich die Arbeit ist.

Ich unterrichte seit Jahren Praxisanleitende – frisch qualifizierte und solche, die es seit einem Jahrzehnt nebenbei machen. Die Frage ist fast immer dieselbe: Wie soll das gehen, wenn die Station voll ist?

Meine Antwort: nicht mit mehr Zeit, sondern mit einer anderen Struktur.

Warum Zeigen allein nicht reicht

Zuschauen erzeugt das Gefühl von Verstehen. Wer eine Handlung zehnmal gesehen hat, hält sie für einfach – bis er sie selbst macht. Dieses Auseinanderklaffen von Vertrautheit und Können ist gut untersucht und der Grund, warum Auszubildende sich sicher fühlen und dann bei der ersten selbstständigen Durchführung stocken.

Was fehlt, ist der Schritt dazwischen: das laute Denken. Nicht nur zeigen, was man tut, sondern warum man es in dieser Reihenfolge tut, worauf man gerade achtet und was man tun würde, wenn etwas anders wäre.

Die Vier-Stufen-Methode – und ihre Schwachstelle

Das klassische Modell in der Pflegeausbildung: vorbereiten, vormachen, nachmachen lassen, üben lassen. Es funktioniert gut für abgrenzbare Handgriffe – eine Injektion, ein Verbandwechsel.

Es funktioniert schlecht für alles, was Entscheidungen erfordert: Priorisierung im Frühdienst, ein Gespräch mit besorgten Angehörigen, die Einschätzung, ob eine Verschlechterung gemeldet werden muss. Dafür braucht es ein anderes Format.

Cognitive Apprenticeship: vier Schritte, die im Alltag funktionieren

1. Modelling. Du machst es vor – und sprichst dabei laut, was du denkst. „Ich schaue zuerst auf die Atemfrequenz, weil die sich früher verändert als der Blutdruck." Das dauert zehn Sekunden länger und ist der wertvollste Teil.

2. Coaching. Die Auszubildende macht, du bist daneben und gibst kurze Hinweise im Moment. Nicht hinterher – im Moment.

3. Scaffolding und Fading. Du gibst so viel Unterstützung wie nötig und nimmst sie schrittweise weg. Erst begleitest du die ganze Handlung, dann nur noch den schwierigen Teil, dann bist du nur noch im Raum.

4. Articulation. Sie erklärt dir, was sie getan hat und warum. Das ist der Schritt, der am häufigsten wegfällt – und der am meisten bringt. Wer etwas erklären muss, merkt selbst, wo die Lücke ist.

Feedback, das ankommt

Drei Dinge machen den Unterschied:

Zeitnah. Feedback am Ende der Woche über eine Situation vom Dienstag ist fast wirkungslos. Zwei Sätze direkt danach sind mehr wert als ein halbstündiges Gespräch später.

Konkret. „Das war gut" hilft niemandem. „Du hast dich vor dem Betreten vorgestellt und erklärt, was du vorhast – die Patientin war danach sichtbar entspannter" ist wiederholbar.

Auf Verhalten, nicht auf Person. „Die Händedesinfektion vor dem Patientenkontakt hat gefehlt" statt „Du bist unsauber". Das klingt banal und ist im Stress der häufigste Fehler.

Was ich nicht mehr unterrichte, ist das Sandwich-Modell – Lob, Kritik, Lob. Erwachsene durchschauen das nach dem zweiten Mal, und die eigentliche Botschaft geht unter. Besser: sagen, was war, sagen, was gewünscht ist, gemeinsam den nächsten Schritt festlegen.

Lernziele, die man überprüfen kann

Ein Lernziel wie „Die Auszubildende versteht die Grundlagen der Wundversorgung" ist nicht überprüfbar. Man kann Verstehen nicht sehen.

Überprüfbar wird es mit einem beobachtbaren Verb und einer Bedingung: „Die Auszubildende führt einen aseptischen Verbandwechsel bei einer sekundär heilenden Wunde selbstständig und unter Einhaltung der Hygienestandards durch und begründet ihre Materialauswahl."

Das ist länger. Aber danach weiß man am Ende der Anleitung, ob das Ziel erreicht ist – und die Auszubildende weiß es vorher.

Was Einrichtungen tun können

Praxisanleitung scheitert selten an den Anleitenden. Sie scheitert an Strukturen:

  • Geschützte Zeit im Dienstplan, die nicht als Erste gestrichen wird.
  • Ein Anleitungsplan über die gesamte Einsatzzeit statt spontaner Gelegenheiten.
  • Feste Zuordnung – wechselnde Anleitende bedeuten, dass niemand die Entwicklung sieht.
  • Austausch unter Anleitenden, mindestens vierteljährlich.

Die gesetzlich geforderten zehn Prozent geplante und strukturierte Praxisanleitung sind kein bürokratisches Detail. Sie sind der Unterschied zwischen einer Ausbildung, nach der jemand bleibt, und einer, nach der jemand geht.

Wenn ihr an diesen Punkten arbeiten wollt: Wir machen das als Inhouse-Seminar – einen halben Tag, mit euren eigenen Fällen. Zur Fortbildungsseite

Über die Autorin

Janine Möller-Werner

Gründerin, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Dozentin

Gesundheits- und Krankenpflegerin, Praxisanleiterin und Dozentin. Begleitet seit über zehn Jahren Pflege- und Gesundheitsberufe – und Familien im ersten Lebensjahr.

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